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The minimum for your film clips is 30 seconds. [...] No more than 30 seconds for your clips! — Unsere Rhetorikprofessorin

Der gigantische Sandpenis in Santa Monica

Nach fünf konsekutiven Regentagen wache ich aus meiner nächtlichen Schlaftrunkenheit auf und sehe grelle Sonnenstrahlen durch meine Balkonfront scheinen. Die Erlösung! Ein Sonnentag! Voll Eifer schnappe ich das Buch, das ich mir selbst zu Weihnachten geschenkt habe – “How Stuff Works” und quetsche mich auf die mit Studiumsramsch besetzte Couch. Ich lese ein wenig über Luftschiffe und Raketenantriebe, als mich ein plötzlicher Einfall überkommt: Ich muss einen gigantischen Sandpenis auf dem Strand bauen.

Zwei Minuten später ist eine Rund-SMS an verschiedene, phallusverehrende Freunde verschickt. Genial. Ich klopfe bei meinem Hausverwalter an:
“Hey Jim, could I have a shovel?”
“What do you wanna do with it?”
“Oh, just build something … massive … with it on the beach.”

Barfuss radle ich Richtung Santa Monica, vorbei an glitzernden Cadillac-SUVs und 60er-Jahre Fords. Der wolkenlose Himmel lässt vermuten, dass es Juni ist – nicht Jänner, und nicht post-Megaregenguss. Ich trage eine kurze Hose und ein grinse wie ein Säugling in seiner phallischen Phase. Am Strand angekommen, trenne ich Schaufeln von Fahrrad und beginne zu bauen, werde vom Bademeister eingewiesen, nur jugendfreie Gebilde zu errichten; schliesslich buddle ich direkt neben dem Santa Monica Pier, an dem Familien mit Kleinkindern unterwegs sind – und Penisse sind böse, kleine Kinder haben obendrauf noch nie ihren eigenen Penis gesehen.

Tatsächlich ruft mir ein dicker Junge von der Reling des Piers aus zu, flankiert von seinen mittelschweren Grosseltern. “Whaaaat are you building?!”, kreischt er.
“It’s gonna be a giant dog bone, mmh, I love dogs.”
“AHA?! Because it looks like a penis! HAHA!”
“A penis? Hell no, that’s disgusting!”

Mein Freund Ferdl, Amerikaner mit Wiener Wurzeln und perfektem Meidlinger L in seiner Zweitsprache Deutsch, ist der einzige meiner Kumpels, der dann tatsächlich mitschaufelt; mein Langzeit-Pussycat-Freund Mikey steht nur daneben und plaudert in feinen Linnen fröhlich vor sich her. Kaum langen wir in der Mitte des Schafts an, kommt der Baywatcher ein weiteres Mal.

Mein Fahrrad, mit zwei Schaufeln belegt und einem Fahrradschloss als Schaufelbefestigung bildet das umweltfreundliche Sandpenismobil.

Mein Fahrrad, mit zwei Schaufeln belegt und einem Fahrradschloss als Schaufelbefestigung bildet das umweltfreundliche Sandpenismobil.

Die Entstehungsgeschichte eines gigantischen Sand Penis: Von zwei selbstgebauten, schlaffen Hoden schufte ich gemeinsam mit Ferdl bis zu Ersatzbrüsten weiter - eine Stunde später dominiert dann ein Megapenis die Sandlandschaft.

Die Entstehungsgeschichte eines gigantischen Sand Penis: Von zwei selbstgebauten, schlaffen Hoden schufte ich gemeinsam mit Ferdl bis zu Ersatzbrüsten weiter - eine Stunde später dominiert dann ein Megapenis die Sandlandschaft.

“Guys, this goes way too far. I can’t see any dog bone here, and I am sorry to say so, the next logical step is to inform law enforcement.”
“We can just break it apart, if that’s ok?”
“I would really appreciate it. Thank you.”

Während wir den Penis zerstören, sehen uns zwei Polizisten am Pier skeptisch zu.
Schade, dabei hatte ich so schöne Pläne für die glorreiche Eichel…

Der Bademeister und die Polizei waren nicht sonderlich begeistert von unserem angeblichen Hundeknochen.

Pressemeldung: "Giant Sand Penis Found in Santa Monica" - Der Bademeister und die Polizei waren nicht sonderlich begeistert von unserem offensichtlichen, jugendfreien Hundeknochenfund.

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Englisch und Massenmedien im Wintersemester 2010

Während viele Studenten des SMC im Winter Pause machen und am Strand von Santa Monica spazieren gehen, nehmen Lorena und ich ganz frivol zwei komprimierte Klassen, wie schon damals im Sommersemester 2009, wo wir Ethik und Rhetorik gemeinsam belegten.

Englisch – ein Haufen Satzbausteine

Unsere Englischklasse wird von einem entspannten, jungen Mann mit knittrigem Karohemd und ungeplanter, täglicher Stirnlocke um 8 Uhr morgens unterrichtet. Abgesehen davon, dass ich im “Schlaflos in Seattle”-Modus in der Klasse nur mit einer Gehirnhälfte anwesend bin, sauge ich allen Inhalt des Lehrplans wie ein Schwamm auf.

Ich crashte am ersten Tag der Klasse, sprich, ich war nicht angemeldet. Gut, dass ich bei der Verlosung Sau hatte – 3 aus 10 wurden aus einem Topf gezogen, ich war einer davon.

Unser Lehrbuch heisst “They Say / I Say”. Der Titel kommt vom Prinzip des Buches, nämlich, dass ein kritischer Aufsatz/Essay kein alleinstehendes Dokument ist, sondern ein Dialog mit bereits Gesagtem. Man fügt sich mit so einer Arbeit sozusagen in ein Gespräch ein. Das Buch präsentiert obendrauf noch eine etwas nutzlose Idee, mit Templates, sprich, vorgefertigten Satzbausteinen, zu arbeiten. Man findet solche Passagen zuhauf:

You want to counteract an argument of an opponent. To do this, practice with the following templates:

“I agree partly because of _____________, but to be honest I think that ______________.”
“X overlooks an important issue in his argumentation, namely________________.”
“Some people might say that _______________, but my research shows that ______________.”

Back to Kindergarten, sozusagen. Auch wenn das Buch eine dreiseitige, eloquente Erklärung bereithält, warum wir mit diesen Templates arbeiten sollen – ich finde sie sehr überflüssig. Well, jedem das Seine. Über die Klasse verteilt hin haben wir so gut wie jeden Tag Hausaufgaben, eine durchaus Zeit-anspruchsvolle Klasse; einer der Gründe, warum ich in letzter Zeit so wenig an meinem Blog schreiben konnte.
Wohl auch einer der Gründe, warum die anfangs vollgepackte Klasse über die ersten zwei Wochen hinweg auf maximal die Hälfte der Studenten schrumpfte – nur noch vereinzelt sitzen wir im Klassenzimmer und haben verhältnismässig mehr Sauerstoff…

Das Ziel der Englisch1-Klasse ist es, ein etwa 8-10-seitiges Research Paper zu verfassen, also ein kritisches Forschungspapier. Zu dumm allerdings, dass diese “Forschung” mehr mit Bücher lesen und zitieren zu tun hat als mit tatsächlicher Detektivarbeit. Seitdem ich in den USA bin, wunderte es mich immer, was es nun tatsächlich mit dem Gesundheitssystem auf sich hat und wie es in die derzeitige, miserable Lage kam. Ein guter Grund also, etwas Nachforschungen zu betreiben. Das Research Paper bot sich als gute Gelegenheit an, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen – und auf der Kopfleiste meines Research Papers thront der Titel “Health Care: People, Not Profit”.

Communications 1 – Massenmedien und deren Hintergründe

Auch hier crashte ich – mit Lorena gemeinsam – die Klasse. Das System der Auslese geschah durch eine Liste; gut, dass wir uns an dritter und vierter Stelle von etwa 20 Interessenten eintrugen; somit konnten wir in der Klasse enrollen.
Der Professor dieser Klasse ist ein braungebrannter Grinsepeter aus Hawaii mit kahl geschorenem Kopf und leicht abstehenden Ohren; seine spürbare Faszination mit den Massenmedien der Menschheitsgeschichte lässt selbst die notorischen Zappelphillip-Studenten still sitzend lauschen. Fraglos, als Lehrer hat er eine Unmenge Talent und ist einer meiner bisherigen Lieblingslehrer. Nur ein Punkt auf seiner Kursbeschreibung macht mich stutzig:

“If you plagiariye you will automatically fail the class and be reported to the Department Chair. Cite any sources using Chicago or MLA style – it’s way easier than screwing up your future and bringing shame upon yourself and your family.”

Die Schande über meine Familie durch Schummeln bzw. Kopieren habe ich in Österreich noch nicht gehört, schliesslich sind wir über das Mittelalter bereits hinweg.
Wie auch immer, nur kein saures Blut vergiessen.

Die Klasse ist gepackt voll vom Anfang der Klasse bis zum nahenden Ende (es verbleiben noch 1-2 Wochen). Wir lernen über die Geschichte und Ökonomie von Büchern, Radio, Internet, Funk, Fernsehen, Kabelfernsehen, Schallplatten, die Musikindustrie, Fernsehsender und Netzwerke, Handys, Videorecorder, Fernsehbildschirme, Kameras, Keilschrift und sonstiger Kram wie etwa Youtube, Twitter oder Facebook.

Über letzteres müssen Lorena, ich und drei andere Studenten eine Präsentation halten. Zähneknirschend bekommen wir ein B- dafür, begründet damit, dass einer unserer Mitstudenten sich komplett in nutzlosen Themen wie etwa dem Liebesleben und -Leiden von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg verlor und ich zur Demonstration, dass Facebook sehr wohl eine physikalische Existenz hat, die “für den Vortrag unpassende” Sprengung für eine neue Facebook-Serverfarm zeigte.

Sehr interessant übrigens, ein “Recruitment Video” für Facebook-Entwickler mit allerhand Hintergrundinformation:

Die Klasse ist nicht allzu schwer, aber vollgepumpt mit Inhalt – und von all diesem Inhalt kann ich durchaus sehr viel mitnehmen; unser Professor konzentriert sich auf Entwicklung und finanzielle Aspekte der verschieden Massenmedien, was mir wiederum ein besseres Verständnis für die Vermarktung verschiedener kreativer Produkte gibt…

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Essensausgabe zu Weihnachten

Die Union Station Homeless Services - hier verbringen Lorenas Familie und ich unseren 24. Dezember.

Die Union Station Homeless Services - hier verbringen Lorenas Familie und ich unseren 24. Dezember.

Kommerzfest Nummer 2 (nach dem Valentinstag) und gleichzeitig Zeit der Nächstenliebe: Weihnachten. Diese Diskrepanz ignorierte ich im weihnachtlichen Sinne als Kind immer gerne, denn Geschenke sind toll und aufregend – und ich wollte die Gelegenheit nicht missen, Legoritterburgen oder Computerspiele geschenkt zu bekommen. An Geschenken ist ja prinzipiell nichts falsch….
Dieses Jahr, in welchem ich zum zweiten Mal in meinem Leben Weihnachten nicht mit meiner Familie verbringe, schlage ich meiner Freundin Lorena und ihrer Familie eine bessere Alternative zur Bescherung vor: Obdachlosen helfen.

Nach kurzer Google-Suche finden wir eine Hilfsstätte namens Union Station Homeless Services und melden uns per Online-Formular als Freiwillige. Die Geschenke und das Feiern verschieben wir auf den 25. Dezember (wie amerikanisch von uns!) – und den eigentlichen Weihnachtstag verbringen wir in Pasadena bei einer Obdachlosen-Hilfsstätte mit Kochen, Besteck einpacken und Geschenkspenden-sortieren.

Die Aufgaben erweisen sich durchaus mehr logistischer Natur als ich erwartete; das Kochen macht nur einen kleinen Teil unserer Aufgaben aus. Ich klebe Parkplatz-Hinweise rund um die Ausgabestelle an Parkuhren (um die Strassen für die grosse Essensausgabe am 25. Dezember freizuhalten), helfe beim Umladen von Geschenken, dem Transportieren und Zählen von Papiertellern und dem Lagern von Lebensmitteln.

Einer der Mitarbeiter, der uns Freiwilligen Aufgaben zuteilte, antwortete auf meine Frage, ob sie denn Hilfe am 25. Dezember benötigten:

Last year, we had nearly 1000 Volunteers for about 2000 people in need … we have more than enough this year as well. One of the biggest challenges of our food drive tomorrow will be actually to organize all of our volunteers…

Falls Sie, lieber Leser, in Ihrem Umfeld eine Hilfsstätte für Obdachlose haben, ist es definitiv eine Google-Suche oder einen Anruf wert – die alternative Weihnachtsgestaltung 2010 wird Ihnen gut tun.

Ein Bilderpost.

Beim Verpacken von Besteck: Etwa 1500 Messer, Gabeln und Löffel müssen in Servietten verpackt werden, um die grosse Essensausgabe am 25. Dezember zu gewährleisten. Bei dieser Essensausgabe kommen Bedürftige aus ganz Los Angeles in Pasadena zusammen.

Beim Verpacken von Besteck: Etwa 2500 Messer, Gabeln und Löffel müssen in Servietten verpackt werden, um die grosse Essensausgabe am 25. Dezember zu gewährleisten. Bei dieser Essensausgabe kommen Bedürftige aus ganz Los Angeles in Pasadena zusammen.

Lorena beim Kochen; während am 25. die grosse Essensverteilung stattfindet, warten am 24. etwa hundert Obdachlose auf ein warmes Mittagessen.

Lorena beim Kochen; während am 25. die grosse Essensverteilung stattfindet, warten am 24. etwa hundert Obdachlose auf ein warmes Mittagessen.

Freiwillige beim Ausladen verschiedener Küchenschränke, in denen Utensilien und Essen für den 25. Dezember bereitstehen.

Freiwillige beim Ausladen verschiedener Küchenschränke, in denen Utensilien und Essen für den 25. Dezember bereitstehen.

Butterbrote mit Reis: So sieht das Essen für den 24. Dezember aus.

Butterbrote mit Gemüse und Fleischmakkaroni: So sieht das Essen für Bedürftige am 24. Dezember aus.

Freiwillige verpacken und sortieren Geschenke, die gespendet und in einem nahestehenden Lagerhaus bis Weihnachten aufgehoben wurden.

Freiwillige verpacken und sortieren Geschenke, die gespendet und in einem nahestehenden Lagerhaus bis Weihnachten aufgehoben wurden.

Nach ein paar Wochen bekomme ich diese Antwort:

Dear Tobias,

Happy New Year! I am thrilled to share with you that your support enabled Union Station Homeless Services to meet our December fund raising goal! Thank you so much for your commitment and generosity.
The past couple of months have been busy and exciting at Union Station. Thanks to you we were able to:
  • Serve a combined total of 8,400 meals at our Thanksgiving and Christmas Dinners-in-the-Park and distribute toys to 2,000 children at Christmas;

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TV-Show in Broadcasting

Im Kontrollraum des "Broadcasting Studios" am SMC: Eine umfunktionierte Abstellkammer gibt der Regie die nötige Privatsphäre. Im Vordergrund Kabel und Bildschirme, die ich (hoffentlich dauerhaft) mit farbigem Isolierband markiert habe.

Im Kontrollraum des "Broadcasting Studios" am SMC: Eine umfunktionierte Abstellkammer gibt der Regie die nötige Privatsphäre. Im Vordergrund Kabel und Bildschirme, die ich (hoffentlich dauerhaft) mit farbigem Isolierband markiert habe.

Auch wenn in diesem Blog das Herbstsemester 2009 abgeschlossen ist, so hänge ich eine Gruppe an Erfahrungen nachträglich an: Das Fernsehshow-Machen in der Broadcasting-Klasse.

Am Anfang der Klasse geben wir unsere Interessensgebiete innerhalb der Produktion bekannt (Editor, Regisseur, Produzent, Showmaster etc.) und werden vom Professor basierend auf diesen Angaben in Gruppen eingeteilt. Jede Gruppe entwickelt gemeinsam ein Show-Konzept und filmt kleinere Clips ausserhalb der Klasse sowie die eigentliche Show in der Klasse. Da sich die Gesetze über die Zeit änderten, stehen dem Santa Monica College die öffentlichen Studioeinrichtungen von Time Warner nicht mehr zu und wir müssen unsere Show statt in einem echten Aufnahmestudio im etwas suboptimalen Klassenzimmer drehen. Für den Zweck dieser Produktionen wurde vor wenigen Jahren ein Abstellraum nebenan als Kontrollraum eingerichtet; dort werden alle Kamerastative, Props, Greenscreens, Hintergründe, Tische, Kabel, Bildschirme usw. gelagert.

Vom Kabelwirrwarr zur Ordnung

Bei jeder der Produktionen hat man freie Wahl, ob man faul herumsitzt oder etwas macht. Ich, lerngierig, laufe am Set herum und versuche alle Arbeitsschritte verschiedener Abteilungen zu verstehen. Früh stellt sich für mich heraus, dass jedes Team an die 20 Minuten ihrer Drehzeit während dem Setup verlieren weil Leute nicht wissen, welches Kabel zu welcher Kamera gehört. Drei Kameras, drei Bildschirme im Kontrollraum, drei lange Kabel. Zwei Mikrofone, zwei Eingänge im Kontrollraum, zwei weitere Kabel.

Jede Kamera bzw. Bildschirm und jedes Mikrofon haben eine Farbcodierung: Rot, Grün und Blau für die drei Kamera-Bildschirmpaare, orange und violett für die Mikrofone. Ich sehe, dass weder Bildschirme noch Kabel farblich markiert sind und bitte den Professor um farbiges Isolierband – er bringt mir alle fünf nötigen Farben und plötzlich ist der Kabelwirrwarr gelöst. Einfache Selfmade-Lösungen wie diese sparen enorm Zeit am Set und machen es einfacher, Fehler ausfindig zu machen.

Lernen von den Fehlern Anderer

Bei manchen der Projekte borgt sich das Team einen Regisseur aus einem anderen Team aus; in dem ersten Projekt darf ich bei einer anderen Gruppe “Cut to 1″, “Cut to 3″ schreien. Glücklicherweise ist meine Gruppe die letzte an der Reihe in der 5-wöchigen Aufnahmeperiode; von den Fehlern und Erfolgen der vier zuvorfolgenden Gruppen kann ich eine Menge lernen:

  • Da wäre zum Beispiel der gestresste, wütende Regisseur, der alle unter Druck setzt und eine miefige Stimmung am Set verbreitet – und mit der Arbeitsmoral die Qualität senkt
  • Der Sonnenscheinchenregisseur, der anstatt zwischen den drei Kameras hin- und herzuschneiden nur lächelnd auf einen der Bildschirme starrt
  • Das unorganisierte Team, das nicht genau weiss, wann was zu schiessen ist und manche Szenen nicht oder nur unzureichend in den Kasten bekommt
  • Das gelangweilte Team, das den Standardhintergrund, das Standardlicht und die Standard-Kameraaufstellung benutzt
  • Die Technikschussel, die ewig für das Aufbauen des Sets brauchen und kostbare Drehzeit verschwenden
  • Die Vergesslichen, bei denen gewisse Gegenstände am Drehtag fehlen und verschiedene Gags ohne Pointe bleiben
  • Der verwirrte Regisseur, der Kameras verwechselt und sich nicht mit der Technik auskennt; demenstprechend keine technischen Fehler selbst reparieren kann
Während einer der TV-Produktionen: Studenten befestigen Softbox-Lichter auf einem portablen Gerüst.

Während einer der TV-Produktionen: Studenten befestigen Softbox-Lichter auf einem portablen Gerüst.

WHOOP’D

Eines der SMC-internen, fahrbaren, sehr robusten Stative für unsere TV-Produktionen

Eines der SMC-internen, fahrbaren, sehr robusten Stative für unsere TV-Produktionen

Unser Projekt heisst “Whoop’d”, benannt nach unserem Shomaster Whoopie. Wie schon in einem Artikel über eine brenzlige Aussenaufnahme mit versteckter Kamera erwähnt, dreht sich unsere Fernsehshow um Gags und versteckte Kamera-Scherze. Im Klassenraum drehen wir vor Greenscreen, in der Hoffnung, uns von anderen Gruppen absetzen zu können, die durchwegs vor einem blauen, teppichartigen Aufklapphintergrund gedreht haben. In meinem Kopf läuft alles perfekt ab; schliesslich haben andere Gruppen schon genug Fehler gemacht. Ich plane die Aufnahmen, markiere das Skript mit Farben und Boxen, um verschiedene Sendeblöcke herauszutrennen. Es wird zwei oder drei Werbeunterbrechungen geben, und ich möchte per Interkom genaue Anweisungen in den Klassenraum geben.

Ein Mädchen in meiner Gruppe fragt mich bettelnd, ob sie Regisseur sein kann. HELL NO. Sie hat schon bei den Aussenaufnahmen genug herumgemurkst, und das typische “lass mich mal machen”-Syndrom geht mir mächtig auf den Sack, wenn der Bittsteller offensichtlich nur den Hauch einer Ahnung hat. In der Hoffnung, alles in Ruhe und Frieden machen zu können, gebe ich ihr den Posten des Stage Managers – die Person, die den Regisseur auf dem Set vertritt und Anweisungen bzw. Zeichen an das Talent weitergibt. Mit jedem der Kameramänner bin ich per Intercom verbunden, bloss mein Stage Manager steht ohne Kopfhörer da.

“Here, those are the different blocks that we will shoot today. You are familiar with the script, right?”, sage ich. Das Skript habe ich grossteils basierend auf das Gruppen-Brainstorming selbst geschrieben und vor Tagen per Email versandt. “Yeah, yeah, of course Toby!”
“So in the segment where Whoopie talks about the Jedi knights, we will need a chair.”
“Uhm, what do you mean? Why?”
“Because we will have an interview…?”
“Oh. Ok. I didn’t know.”

Nervtötend. So geht es dann über die gesamte Aufnahme hinweg; ich gebe Anweisungen in den Aufnahmeraum (über die Interkom der Kameraleute), woraufhin sich mein mühsamer Stage Manager entweder eines der Headsets klaut und selbst Anweisungen geben möchte, oder komplett falsche Anweisungen an unseren Showmaster gibt und fette Verwirrung stiftet. Meine Sonnenscheinchennatur wird von ein paar Wolken getrübt, und als in einer Szene für drei Minuten alle herumstehen, bloss weil jeder zu lahm ist, einen Stuhl aufzuklauben und vor den Greenscreen zu stellen, rufe ich ins Mikrofon “Damn, is it so hard to get a chair? Can please someone get a chair on the left side of the screen? Ah!”.

Falsche Entscheidung. Zwar wirft mir niemand etwas im Nachhinein vor, aber ich weiss ganz genau, dass dieser milde Auszucker nicht nötig war und mehr Schaden als Gutes anrichtet. Für die Zukunft weiss ich jedenfalls, dass Kontrollposten immer von Leuten belegt sein müssen, die sich ihrer Sache gewiss sind. Und sollte es keine solche Person in dem Team geben, in dem ich drehe, muss ich eben selbst in den Drehraum laufen und Anweisungen geben, um die Nerven und Zeit aller zu schonen.

Im Endeffekt bringen wir die Show in Maximalzeit und heiterer Stimmung in den Kasten – zwar nicht so organisiert, wie ich es mir vorgestellt hatte, aber mit einer Qualität, mit der ich zufrieden sein kann. Jetzt geht es ans Schneiden…

Meine Drehnotizen: Hier eine Seite unseres Skripts, welches ich aus Gründen der Übersicht in 50% Grösse ausdrucke und mit verschiedenen Produktionsnotizen versehe.

Meine Drehnotizen: Hier eine Seite unseres Skripts, welches ich aus Gründen der Übersicht in 50% Grösse ausdrucke und mit verschiedenen Produktionsnotizen versehe.

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Exodus

Gnel ist ein Mann, den ich vor fast einem Jahr kennenlernte. Damals war er über ein Schachbrett gebeugt und spielte wie ein Weltmeister, das zerzauste Haar unter seiner Snowboardhaube hin-und herwehend. Er rauchte eine Zigarette und setzte die Schachfiguren mit routinierter Bewegung seiner stark behaarten Finger auf das Brett.

Ich war gerade in der Mitte meiner Selbstfindung – mein Auslandsdienst war vorbei und ich wollte einen Grund finden, in Los Angeles zu bleiben. Zu diesem Zeitpunkt war ich in der Mitte meines bisher unveröffentlichten und grössten Fotografieprojekts, “People of LA”. (dieses Projekt ist nirgendwo sonst im Internet zu finden/verlinkt)

Nachdem ich Gnel über einen Snapple-Eistee etwas besser kennenlernte, lud er mich in sein Apartment ein, um ihm bei dem Buch zu helfen, das er gerade über sich und das Leben schrieb. Ich sollte sein persönlicher Fotograf werden und würde etwas vom Kuchen abbekommen. Ich traf ihn über mehrere Wochen hinweg immer wieder für Fotoshoots seines unendlich dreckigen Apartments oder einfach nur zum Plaudern.

Vom Fotografieren zum Filmen

Als ich ein halbes Jahr später das Herbstsemester am Santa Monica College begann, auf soon-to-be Cinematograph Josh traf und wir beide nach einem Subjhekt suchen, über das wir einen Dokumentarfilm drehen könnten, fiel mir Gnel wieder ein. Ich rief ihn an und bekam seine Zustimmung, einen Dokumentarfilm über ihn zu machen. Aus verschiedenen Terminschwierigkeiten heraus entschlossen Josh und ich uns, zuerst etwas auf der Strasse zu trainieren, bevor wir den Dokumentarfilm über Gnel begannen – dieses Training auf dem Gehsteig wurde schliesslich zu “Faces of Venice“.

Über den Verlauf der Filmarbeiten an Gnel’s Dokumentarfilm geriet dieser in immer grössere finanzielle Schwierigkeiten und verbrauchte schliesslich seine Ersparnisse (die ihn für fünf Jahre am Leben hielten). Durch die Hilfe von Freunden, die er von früheren Zeiten und dem Schachspiel kannte, konnte er sich vier weitere Monate ohne jegliches Eigenbudget Geld borgen und seine Miete bzw. Lebensmittel bezahlen. In den letzten Wochen ging es dann immer mehr und mehr bergab, dann kam eine Mahnung der Hausverwaltung – und schlussendlich ein Schreiben, dass er die Miete für zwei Monate nicht zahlen konnte – und ausziehen muss.
Genau diesen Auszug muss ich dokumentieren.

Spanischer Exodus mit flauem Magen

Wie bereits im vorigen Blogpost erwähnt, hatte ich an jenem ereignisreichen Tag Durchfall und Erbrechen, sowie mein Spanisch-Final. Kehren wir zurück in die Gegenwart: Ich stehe in der Dunkelheit, immer noch etwas taumelig von all meinen arschigen Ergüssen und der Konzentration, die ich im Spanischfinal aufrecht erhalten musste. Ich laufe ein Gebäude weiter in den zweiten Stock hoch, wo Josh als “Language Lab Assistant” Leuten bei ihren Sprachkenntnissen für 8$ pro Stunde aushilft. Josh hat keine Zeit, mit mir filmen zu gehen, also vereinbaren wir, dass ich seine Kamera ausborgen darf und sie ersetzen muss, falls ich sie aus Versehen zum Teufel schicke. “Please be careful with it”, flüstert Josh, um von seinem Supervisor nicht gehört zu werden, “I worked a year only to get it. It’s really important to me.”
“Sure thing Josh, I’ll treat it like my own eyeball!”

Mit dem Firebird geht es durch die – für LA-Verhältnisse – eiskalte Nacht in Richtung Nordosten, in Richtung Hollywood. Ich parke mein Auto und laufe schwer beladen mit Reflektor, Baulicht, Kabeln, Klebeband, Fotokamera und Filmkamera in Richtung des Gebäudes, in dem Gnel heute zum letzten Mal schlafen wird; morgen früh muss er sein Apartment geräumt haben. Bereits in der Garage des grossen Apartmentgebäudes treffe ich auf ihn und einen Freund, den er vom Schachspielen kennt. Dieser hat einen Van mitgebracht, in dem sie Gnels Habseligkeiten abtransportieren. Es ist eine traurige Szene; Gnel’s wichtigster Besitz abgesehen von seinem Auto ist ein Computer und ein Schreibtisch. Der Schreibtisch ist im Endeffekt zu gross und wir nehmen ihn nicht mit.

Mit flauem Magen folge ich Gnel und seinem Freund in das Fastfood-Restaurant Panda Express und fülle meinen nüchternen Magen mit südostasiatisch inspiriertem, fettigen Amerikanermampf. Gnel kann sich kein Essen leisten; sein Freund spendiert ihm eine Box orange-saftige Hühnchenteile. Weiter geht es zu einem anderen Schachfreund von Gnel, einem zurückgezogen lebenden Herrn mit Wampe und Brille, dem meine Filmerei nach einer Zeit merklich und doch unbemerkt auf den Geist geht. Er nimmt Gnels Computer entgegen – und die Türen schliessen sich hinter uns. Alles was bleibt, ist Gnels mit Zigarettenmuff zugepacktes Auto. Wenn ich morgen in meinem Bett aufwache, mich in die Dusche stelle, Gewand aus meiner Garderobe anziehe, Milch aus meinem Kühlschrank hervorhole und die Tür hinter mir ins Schloss fallen lasse, wird Gnel auf der Strasse sein.
“You understand what hopelessness is, man?”, höre ich ihn sagen.

Gnel in the elevator after storing all his belongings in a friend's house

Gnel in the elevator after storing all his belongings in a friend's house

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